Nur für den Dienstgebrauch! – „Aktuelle Lagedarstellung“ des BMI zu Virusmutation

Besorgniserregend – Oder wird mit „Omikron“ die nächste Sau durchs Dorf getrieben?

Reitschuster.de wurde eine „Aktuelle Lagedarstellung“ aus dem Bundesinnenministerium (BMI) zugestellt, in der die Virus-Variante „B.1.1.529“ thematisiert wird – eine fünfseitige Zusammenfassung bezüglich einer neuen Mutation des Corona-Virus. Während in Europa die Alarmglocken schrillen, zeichnen afrikanische Mediziner ein weniger dramatisches Bild. Angelique Coetzee, die Vorsitzende der South African Medical Association, sagte, es sei „voreilig“, eine Gesundheitskrise zu prognostizieren: „Zu diesem Zeitpunkt sind das alles Spekulationen. Es kann sein, dass es hochansteckend ist, aber bisher sind die Fälle, die wir sehen, extrem mild.“ Die Erkenntnisse könnten sich aber ändern, es könne sein, dass sie in zwei Wochen anderer Meinung sei, so die Ärztin. Auch Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla klagte laut FOL: „Die Reaktion der Länder, Reise-Verbote auszusprechen, widerspricht komplett den Normen und Standards der Weltgesundheitsorganisation.“ Und weiter: „Dieselben Länder, die diese Art reflexartige, drakonische Reaktion zeigen, bekämpfen gerade ihre eigenen Wellen.“

Quelle: https://reitschuster.de/post/nur-fuer-den-dienstgebrauch-aktuelle-lagedarstellung-des-bmi-zu-virusmutation/


Die Lagedarstellung mit Datum von Freitag befasst sich in vier Punkten mit der Problematik von „B.1.1.529“. Das Papier kommt aus dem Referat KM6 und ist gekennzeichnet mit „nur für den Dienstgebrauch“. KM steht hier für die Abteilung „Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz“ im Bundesinnenministerium.

1. Eigenschaften
Punkt 1 fasst in wenigen knappen Sätzen zusammen, was man im Ministerium bisher über die Eigenschaften dieser Variante weiß. Deutlich wird für den Laien, wo der Unterschied liegt zwischen Variante und Mutation: Das „B.1.1.529“ ist demnach laut vorliegender Lagedarstellung eine Corona-Variante, die mindestens 30 Mutationen besitzen soll.

Hinter die Zahl „30“ hat das Bundesinnenministerium ein Ausrufezeichen gesetzt mit der Zusatzinformation, dass die schon bekannte Delta-Variante zum Vergleich nur über zehn Mutationen verfügen soll.

Weiter heißt es unter „Eigenschaften“, der Einfluss der Mutationen sei noch unklar. Über einige dieser Mutationen wisse man allerdings, dass sie mit „erhöhter Übertragbarkeit und reduzierter Wirksamkeit der Immunantwort sowie Impfstoffe“ in Verbindung gebracht wird. Weiter heißt es dazu: „Andere Mutationen der Variante sind unbekannt, insb. in der Kombination.“

Punkt 1 wurde ein Diagramm beigefügt, welches die Entwicklung der neuen  Variante im Vergleich zu den schon verbreiteten Delta- und Beta-Varianten zeigt. Demnach verbreitete sich Delta schneller als Beta, aber „B.1.1.529“ übertrifft beide. Angefügt ist ein „Lesebeispiel“, also eine Hilfestellung, wie dieses Diagramm zu interpretieren ist:

Die Virusvariante B.1.1.529 macht nach nicht einmal 20 Tagen bereits 90 Prozent der neuen Fälle aus.

Bei Delta waren das laut den im Diagramm abgebildeten „historischen Kurven“ über 80 Tage und bei Beta sogar weit über 100 Tage, der imaginäre Schnittpunkt befindet sich weit außerhalb der Darstellung.

2. Verbreitung
Punkt 2 der Lagedarstellung aus dem BMI beschäftigt sich mit der „Verbreitung“ von „B.1.1.529“. Erstmals sei die Virus-Variante in Südafrika nachgewiesen worden, und zwar am vergangenen Dienstag, dem 23. November 2021. Nachgewiesen wurden laut Papier jeweils bestimmte „Sequenzen“ der Variante. Mittlerweile seien insgesamt 77 Sequenznachweise aus Südafrika (ZAF) gekommen, vier aus Botswana und je einer aus Hongkong und Belgien.

Die Verbreitung, so wird vermutet, sei aber längst „deutlich größer“ insbesondere in Südafrika.

Aus Deutschland, so heißt es abschließend unter Punkt 2 „Verbreitung“, sei noch keine Sequenz nachgewiesen worden (Im Verlauf der Recherche allerdings dann doch).

3. Bewertung des BMG
Unter Punkt 3 wurde das Gesundheitsministerium des geschäftsführend tätigen Jens Spahn um eine Einschätzung gebeten. Von dort heißt es dann, das Mutationsprofil sowie der plötzliche Fallanstieg seien „auffällig“. Zudem gäbe es Hinweise auf eine möglicherweise leichtere Übertragbarkeit gegenüber der Delta-Variante. Mittlerweile hätten Laboruntersuchungen begonnen, die sich damit befassen, inwieweit „B.1.1.529“ die Wirkung von Impfstoffen oder den Schutz der Genesenen herabsetzt. Ebenfalls noch unklar sei, ob diese neue Variante „krankmachender“ sei als Delta.

Zudem, so heißt es weiter, würde das Mutationsprofil von „B.1.1.529“ darauf hindeuten, dass eine „herabgesetzte Impfstoffwirkung zumindest ernsthaft in Betracht gezogen werden muss.“

Soweit also die Bewertung aus dem Gesundheitsministerium.

4. Bisher getroffene Maßnahmen
Punkt 4 unterteilt in „national“ und „international“. Auf nationaler Ebene ist demnach Folgendes passiert: Südafrika und die Nachbarländer Lesotho, Eswatini, Namibia, Botswana, Simbabwe, Malawi und Mozambique wurden „ab dem 28.11. um 0:00 Uhr als Virusvariantengebiet“ ausgewiesen.

International hätte die EU vorgeschlagen, den Luftverkehr ins südliche Afrika auszusetzen und die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte bereits am Freitag eine Dringlichkeitssitzung einberufen. Zudem haben diverse Staaten wie Japan, Israel, Italien, die Niederlande und Großbritannien einreisebeschränkende Maßnahmen wie Landeverbote für Flugzeuge verhängt.

Damit endet die „Aktuelle Lagedarstellung zur Virus-Variante B.1.1.529“ des BMI.

Staatsvirologe Christian Drosten hoffte auf Mutationen
Also was kommt da aus Südafrika auf uns zu, was soll hier gefährlicher sein als die Delta-Variante, die anfangs auch mit besonders großer Sorge betrachtet wurde.

Allerdings hatte in einem seiner zahlreichen Podcasts auch der Staatsvirologe Christian Drosten einmal die Auffassung vertreten, dass Virus-Mutationen entstehen könnten, die Corona zu einem harmlosen Schnupfen machen. Laut Papier aus dem BMI ist „B.1.1.529“ aber nun alles andere als Drostens sanfte Schnupfenvariante. Der Titel des Drosten-Podcasts vom 09. Juni 2020 lautete: „Mutationen können auch Hoffnung bieten“.

Drosten erzählte in diesem Podcast auch etwas über die im BMI-Papier erwähnte Sequenzanalyse, dass es recht aufschlussreich sein kann, wenn Wissenschaft hier im Wortsinne im Brei herumstochert:

„In dieser Sequenzanalyse kann man aber nicht so ohne weiteres die einzelnen Viren auseinanderhalten, sondern man kriegt doch so etwas wie eine Summe aller Sequenzen. Und daraus muss man jetzt Schlussfolgerungen ziehen.“

Eine Schlussfolgerung zur zunächst gefürchteten Delta-Variante war also die Entwarnung. Weitere Entwarnungen, hat das ZDF ein Jahr später im Juli 2021 so zusammengefasst:

„Corona wird weniger gefährlich“, jubelte jetzt die „Bild“-Zeitung am Dienstag – „Virologe sagt, warum die Delta-Variante uns sogar Hoffnung machen kann“. „Coronavirus wird immer harmloser“, titelte auch rtl.de, ähnlich das Nachrichtenportal oe24: „Virologe gibt Entwarnung: Corona wird schwächer“.“

Die These, die dahinter steckt, basiert auf der Annahme, dass sich ein Virus im Laufe der Zeit abschwächen würde, weil immer mehr Menschen immun sind.

Zu wenige Kranke für vernünftige Prognosen
Beinahe amüsant erscheint da eine etwas ältere Einschätzung von Prof. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut, der es schwierig fand, Corona-Krankheitsverläufe zu vergleichen. Interessanter ist hier, warum er das fand: Die Alten und Risikogruppen wären ja alle geimpft. Man fände nur junge infizierte Menschen, aber die erkranken „meist weniger schwer“. Und bald, mit einem Ausdruck des Bedauerns, fügte Zeeb an: „Da ist es schwierig zu sagen, dass das an einer harmloseren Variante liegt.“

Wenn aber niemandem mehr etwas Schlimmes widerfährt, ist Bedauern hier eigentlich doch mehr als fehl am Platz.

Aber zurück zur aktuellen Situation und zum „B.1.1.529“. Was klingt eigentlich bedrohlicher: B.1.1.529-Variante oder etwa Südafrika-Variante oder beispielsweise Gamma-Variante? Die Namensgebung hat jetzt die Weltgesundheitsorganisation übernommen: B.1.1.529 wurde getauft auf den Namen „Omikron“.

Interessant ist auch bei Omikron der Zusammenhang zwischen Impfstatus und Mutation. Wenn die Omikron-Variante tatsächlich ihren Ursprung in Südafrika hätte, wie vermutet wird, dann sollte man wissen, dass in Südafrika aktuell kaum mehr als 15 Prozent der Bevölkerung gegen das Corona-Virus geimpft sind. Auf dem afrikanischen Kontinent sind insgesamt sogar weniger als zehn Prozent der Menschen geimpft. Demgegenüber allerdings soll die Zahl der bereits Genesenen besonders hoch sein.

Der Berliner Abgeordnete Marcel Luthe (Freie Wähler) gehörte mit zu den ersten, die sich zur neuen Variante geäußert hatten. Via soziale Medien schrieb Luthe darüber, dass sich ein Virus früher oder später der Impfung, also seinem „Gegenmittel“ anpassen würde: „Der Zeitpunkt hängt alleine davon ab, wie häufig aktives Virus und Impfstoff in Kontakt kommen“, schreibt Luthe weiter. Das allerdings spräche gegen einen Entstehungsort „Südafrika“ für die neue Variante. Oder es deute darauf hin, dass hier insgesamt etwas deutlich anders laufe, als im Moment noch angenommen.

Für Marcel Luthe ist die massive Impfkampagne schuld an der hohen Verbreitung der jeweils aktuellen Virusvarianten. So würde sich das Rad eben immer schneller drehen. Aber hier passt dann Südafrika als Ursprungsort von Omikron nicht recht dazu.

Oder vielleicht doch? Bedenkt man, dass die südafrikanische Regierung in den letzten Wochen ganz massive Impfkampagnen gefahren hat, die fast den Eindruck vermittelten, als wolle man damit ins Guinessbuch der Impfrekorde mit 500.000 Impfungen an zwei Tagen, angekündigt Anfang Oktober 2021. Interessant vielleicht auch in dem Zusammenhang: Das Durchschnittsalter in Südafrika beträgt 27 Jahre.

Tatort Südafrika
Aber wo genau wurden diese Guinessbuch-Impfungen durchgeführt? Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla meldete gerade einen „exponentiellen“ Anstieg der Fälle in Südafrika. Es sei auffällig gewesen, sagt Phaahla, wie stark die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen gestiegen seien – nach Monaten mit sehr wenigen positiven Tests. Der Anstieg sei vor allem in Pretoria, Johannesburg und Ekuhurleni verzeichnet worden. Besteht hier ein Zusammenhang mit den Massenimpfungen?

Der SWR fragte schon im März 2021, ob die Massenimpfungen das Mutationsrisiko des Coronavirus erhöhen. Und der öffentlich-rechtliche Sender stellte vor über einem halben Jahr auch einen Zusammenhang mit Südafrika her:

„Es gibt natürlich die theoretische Möglichkeit, dass wir jetzt einen evolutionären Druck auf das Virus ausüben; dass wir durch die Impfung nur noch Viren eine Chance geben, die jetzt der Immunantwort entkommen können. Das sehen wir ja teilweise schon bei den Mutationen, die in Südafrika und Brasilien zuerst aufgetreten sind.“

Aber der SWR beruhigte zunächst: Letztendlich müsse man sagen, „dass das Coronavirus sich nicht komplett verändern kann.“ Und dann aber im Nachsatz: „Daher kann es nicht beliebig viele Mutationen geben. Natürlich könnte es sein, dass wir durch die Impfung da was induzieren.“

Afrika und das Virus scheinen in der Pandemie mittlerweile eine Schlüsselstellung einzunehmen. Allerdings meldete der Tagesspiegel noch im August 2020:

„Während Bill Gates zu Beginn des Jahres bis zu 10 Millionen Covid-Tote in Afrika befürchtete, sind dem Virus bislang offiziell kaum mehr als 25.000 Afrikaner zum Opfer gefallen – fast die Hälfte davon Südafrikaner.“

Tagesschau Online berichtet eineinhalb Jahre später mit dramatischem Unterton: „Bisher grassiert die Delta-Variante in Europa und bringt Gesundheitssysteme an deren Grenzen. Jetzt verbreitet sich in Südafrika eine Variante, die schlimmer sein könnte.“

Ich taufe Dich auf den Namen Omikron
Eine vermeintliche Randnotiz zum Auftreten von Omikron lässt aufhorchen: So befand der Forscher Richard Neher – er ist Leiter einer Forschungsgruppe an der Universität Basel, die Omikron-Variante sei unerwartet gekommen, die Kombination an Mutationen in ihrem Genom sei „bemerkenswert“.

Weitere Fachleute schauen mit Sorge vor allem auf die genetischen Veränderungen des Virus. Omikron würde sich deutlich von den bisherigen Varianten unterscheiden.

Und direkt in die Recherche zu diesem Artikel kommt gerade die Meldung von n-tv und weiteren Portalen, dass die Omikron-Variante mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ schon in Deutschland angekommen sei – das Nachrichtenportal beruft sich hier auf den hessischen Sozialminister Kai Klose (Grüne), der Reiserückkehrer aus Südafrika als mutmaßliche Virusträger nennt, die über den Flughafen Frankfurt eingereist wären.

Die keinen Tag alte „Aktuelle Lagedarstellung“ des BMI zur Omikron-Variante, die im BMI-Papier noch kryptisch „B.1.1.529“ genannt wird, wird also bereits von den aktuellen Ereignissen überrannt.

Was bleibt uns als erste Erkenntnis einer Kurzanalyse auf Basis der uns zur Verfügung stehenden Fakten?

Die Wissenschaft staunt über die Zusammensetzung von Omikron, in Südafrika wurden Massenimpfungen veranstaltet, dort entstand im zeitlichen Zusammenhang die Variante, aber dazu gibt es außer Mutmaßungen noch keinerlei Zusammenhänge.

In der Rückschau wurde auch die Delta-Variante in alle Richtungen gedeutet. Diese Variante war zuerst in Indien aufgetaucht. Die WHO zählt die Delta-Variante zu den vier Besorgnis erregenden Varianten von SARS-CoV-2. Und trotz vorhergehender Alarmmeldungen in viele Richtungen weist beispielsweise das renommierte Helmholtz-Institut der Delta-Variante zwar eine schnellere Ausbreitung, eine höhere Ansteckungsrate, aber auch eine geringere Todesrate zu.

Omikron ist gerade in Deutschland angekommen. Aber neben einer Alarmstimmung besteht auch die Möglichkeit, dass Omikron doch noch nicht das Ende der Menschheit bedeutet. Oder ausnahmsweise mal mit den Worten von Christian Drosten gesprochen: „Mutationen können auch Hoffnung bieten.“