Der Fall Malone: Wie ein Impf­forscher zur Symbol­figur der Impf­kritiker wurde – und seine Chance auf den Nobelpreis verlor

Hannover. Die beiden Männer scheinen einander bestens zu verstehen. Kein Zeichen, dass sie irgendwo in Streit geraten könnten. In Folge 272 seines Podcasts „War Room“, aufgezeichnet am 18. September, holt Steve Bannon, Ex-Chef­stratege Donald Trumps im Weißen Haus und Galions­figur der extremen Rechten in den USA, zum gewohnten Rundum­schlag, schimpft auf die „illegitime Regierung“ Joe Bidens, schürt die Sorge vor einer „Invasion“ des Landes durch haitianische Flüchtlinge, spricht ganz selbstverständlich vom „CCCP-Virus“, dem „Kommunistische-Partei-Chinas-Virus“ und leitet dann zu seinem Gast über, den er nur als „Doktor Robert Malone“ vorstellt, weil er seinen Hörern ja schon in früheren Folgen oft genug gesagt hat, wer das ist: „Der Erfinder der mRNA-Impfstoffe.“

Quelle: https://www.rnd.de/wissen/robert-malone-wie-ein-impf-forscher-zur-symbol-figur-der-impf-kritiker-wurde-2HC64SXXRNDXNO3U66T474VVQY.html


Malone berichtet dann von jenem Covid-Kongress, den er gerade in Rom organisiert hat und der ein voller Erfolg geworden sei, trotz „der Überwachung und der Attacken aus der ganzen Welt, vor allem aber von der US-Regierung“. Die Botschaft hätten sie dennoch in die Welt schicken können: „Ihr müsst keine Angst haben. Es gibt Behandlungen, die euch, früh angewandt, vor den Kranken­häusern bewahren können. Sie verhindern, dass ihr sterbt.“

Malone nennt keine Belege. Nicht für angebliche Cyber­attacken der US-Regierung. Nicht für die Existenz eines wirksamen Medikaments gegen Covid-19. Aber darum geht es auch nicht. Bannon hat gehört, was er wollte. „Doktor Malone“, schließt er, „Sie sind ein Kämpfer für die Freiheit.“

Robert Malone also, 61 Jahre alt, Virologe, Wissenschaftler, eigene Beratungs­firma, wohnhaft in Madison, US-Bundes­staat Virginia. Dichtes graues Haar, grauer Vollbart, tiefliegende Augen, sonore Stimme. An diesem Montag hätte dieser Robert Malone guten Grund, voller Gelassenheit, Vorfreude und vielleicht auch Stolz nach Stockholm zu schauen, wo das Nobel­komitee am späten Vormittag die Preisträger in Medizin und Physiologie benennen wird.

Es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass schon in diesem Jahr die Menschen hinter jener Entdeckung ausgezeichnet werden, die schon jetzt hundert­tausende oder noch mehr Leben gerettet hat und, nach allem, was man bislang sagen kann, den Ausweg aus der Pandemie weist. Vielleicht könnte er sich in aller Demut sogar selbst Hoffnungen machen, einer jener höchstens drei Preisträger zu sein. Als „Nature“, eines der renommiertesten Wissenschafts­magazine weltweit, der Geschichte der mRNA-Vakzine einen großen Artikel widmete, begann dieser Bericht mit ihm, Robert Malone.

Doch von Gelassenheit ist Robert Malone weit entfernt. Eine Impfpflicht vergleicht er in Tweets mit Kastration und der Beschneidung von Frauen. Er verhöhnt den obersten US-Seuchen­schützer Anthony Fauci als Marionette der großen Pharma­firmen, spekuliert über ein angebliches Abkommen von Pfizer und der israelischen Regierung, wonach Israel zehn Jahre lang nicht über Neben­wirkungen der Impfung berichten dürfe, und stilisiert sich zum Opfer von Medien, die über all das nicht berichten wollten.

In Interviews mit zumeist weit rechten Moderatoren wie Tucker Carlson oder vor den mittlerweile mehr als 380.000 Followern auf seinem Twitter-Kanal: Malone lässt keine Gelegenheit aus, Zweifel an jenem Impfstoff zu säen, zu dem er selbst den Anstoß gegeben haben will. Mit all dem stellt er sich in den Gegensatz zu jener Wissenschaft, in deren Namen er zu sprechen vorgibt. Kann man das verstehen?

Ein wegweisendes Experiment
Ich stieß im Frühjahr auf Robert Malone, als ich begann, über die wissenschaftlichen Wurzeln der mRNA-Impfungen zu recherchieren. Die Präparate von Moderna und Biontech/Pfizer hatten sich als beeindruckend sicher und wirksam herausgestellt. Es zeichnete sich ab, dass ihre Entwicklung in den Fokus des Nobel­komitees geraten würde.

Robert Malone war Doktorand am Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, als er Ende der Achtzigerjahre ein wegweisendes Experiment wagte: Er mischte Boten-RNA, eine Art biologischen Konstruktionsplan, in Fettkügelchen und brachte damit im Labor Zellen dazu, ein bestimmtes Protein zu produzieren. Kurz darauf gelang ihm dies in Frosch­embryos. „Robert Malone hat als Erster dieses Prinzip beschrieben und damit die Basis für die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe beschrieben“, sagte mir der Immunologe Jan Dörrie, Spezialist für RNA-basierte Immun­therapie am Universitäts­klinikum Erlangen.

Doch Malone ist zu diesem Zeitpunkt, dem Start meiner Recherchen, weitgehend unbekannt. Er hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Auf eine Mail an ihn antwortet zunächst seine Frau, Jill Malone, ebenfalls Medizinerin. „In den USA“, schreibt sie dort, „erhält gerade eine Frau die gesamte Anerkennung, die damit nichts zu tun hat und ein Jahrzehnt nach Robert mit der Arbeit an mRNA-Vakzinen begonnen hat.“ Eine Anspielung und zugleich ein Angriff auf Katalin Karikó, jene aus Ungarn stammende Wissenschaftlerin, die in diesem Moment bereits von US-Medien häufig porträtiert wird.

Außerdem schickt sie einen 16-seitigen Aufsatz mit, eine Darstellung aus ihrer Sicht – für den Fall, dass ich zu den wenigen gehörte, die die ganze Geschichten kennen wollen. „Dies ist eine Geschichte über akademischem und kommerziellem Geiz“, so beginnt sie. „Wer sie liest, mag denken, dass sie ausgedacht oder übertrieben sei. Aber das ist sie nicht.“ Es gehe, so schreibt sie, um „wiederholten Missbrauch“.

Ein Fall von geistigem Diebstahl?
In einem Zoom-Interview einige Tage später wird Robert Malone eine andere, noch stärkere Formulierung gebrauchen: Das, was ihm widerfahren sei, komme einer „Vergewaltigung“ gleich, so sagt er.

Was Malone meint und offenbar auch 30 Jahre später nicht verwunden hat, ist ein Ablauf, der, stark gerafft, so lautet: Malone wechselte noch vor dem Doktortitel zu einem anderen Institut namens Vical, doch in den Patenten, die beide dann auf das Verfahren anmeldeten, hätten sie seinen entscheidenden Beitrag unterschlagen und ihn um den Lohn seiner Arbeit gebracht: „Sie wurden reich dank der Produkte meines Geistes.“

Eine Darstellung, die beide Institute und die damals leitenden Wissenschaftler zuletzt in „Nature“ als „Nonsens“ zurückwiesen. Malone jedoch ist genau davon weiter überzeugt. Es ist eine Kränkung, die ihn noch heute antreibt, das Gefühl, dass der eigene Beitrag nicht gewürdigt wurde – das, aus seiner Sicht, offenbar auch alle Angriffe gerechtfertigt erscheinen lässt.

„Dear Doktor Kareko“, droht er, den Namen falsch schreibend, am 1. Juni an Katalin Karikó, „dies wird nicht gut ausgehen.“ „Bitte schreib mir keine Drohbriefe“, antwortet sie freundlich, geduldig. „Ich habe nie mehr für mich in Anspruch genommen, als einen Weg gefunden zu haben, mRNA weniger entzündlich zu machen.“ Sie unterschreibt mit „Kati“ und „besten Grüßen“.

Malone dagegen antwortet, diesmal ganz ohne Anrede: „Wo kommt dieses Zitat dann her, wenn nicht von dir?“, und hält ihr einen Medien­ausriss vor, in dem sie als Urheberin der Impf­stoffe bezeichnet wird. In weiteren Mails hält er ihr und dem Rest der Welt vor, seine Leistung nicht zu würdigen. „Ich war der Erste (…) Das kann nicht bestritten werden.“ Genannt werde aber immer nur sie. „Immer du. Niemals eine Erwähnung meiner Arbeit. Warum nicht?“, schreibt er in einer späteren Mail am selben Tag. Immer wieder kommt er darauf zurück: Warum andere? Warum nicht er?

Was Malone allerdings nicht sehen will, ist: Von seinen Experimenten Ende der Achtzigerjahre bis zum mRNA-Impf­stoff 2021 war es noch ein sehr weiter Weg. Hunderte Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahrzehnten daran gearbeitet. Aber mRNA galt als zu instabil, schwer zu verarbeiten, teuer herzustellen. Dem Tübinger und späterem Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr gelang es im Jahr 2000, in Mäusen mittels mRNA eine stabile Immun­antwort zu provozieren. Karikó schließlich modifizierte 2005 zusammen die mRNA dergestalt, dass sie die Immun­reaktion unterlief und in die Zellen eindringen konnte – es war, wie heute klar ist, die entscheidende letzte Veränderung auf dem Weg zum Impfstoff von Biontech, deren Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci sich 2013 Karikós Dienste sicherten.

Für die Malones sind das alles bloß Fuß­noten zu ihrer eigenen Entdeckung. „Dr. Malone ist der Erfinder der mRNA-Impf­stoffe (und DNA-Impf­stoffe)“, schreibt er über sich auf seiner Homepage.

Wer frühere Forscher­kollegen fragt, die ihn schon lange kennen, für den ergibt sich das Bild eines ehrgeizigen Wissenschaftlers – und eines schwierigen Menschen. Schon immer, sagt einer von ihnen, habe er einen Hang zum Querulatorischen gehabt: „Ein bisschen verrückt. Nicht einfach im Umgang.“ Das sei auch der Grund gewesen, warum er aus Forschungs­gruppen damals hinaus­gebeten wurde. Viele hätten von ihm „die Nase voll“ gehabt und ihn gemieden, „sodass er ging und nie wieder an dem Thema arbeitete“.

Selbst- und Fremdbild, soviel kann man sagen, klaffen im Fall Malones offenbar weit auseinander.

Damals, in den Mails und Gesprächen im Frühjahr dieses Jahres, ist von seiner heutigen Haltung noch wenig zu sehen. Er spricht über mögliche Neben­wirkungen, die damals gerade diskutiert wurden, die Myokarditis bei Jüngeren, das Thema interessiert ihn. Aber er scheint noch eher Fragen als Antworten zu haben, zumal radikale.

„Ich bin kein Impfgegner“
„Ich bin kein Impf­gegner“, beteuert er heute in einer Mail. „Impf­stoffe retten Leben. Ich habe mehr als 30 Jahre meines Lebens der Entwicklung von Impf­stoffen gewidmet.“ Aber er sei eben auch vertraut mit Zulassungs­prozessen, klinischer Entwicklung, Bioethik und seiner Ansicht nach hätten die Impf­stoffe nicht die nötigen Tests durchlaufen. „Für ältere, krankhaft fettleibige, immun­geschwächte und andere Hochrisiko­gruppen sollte der Impf­stoff eingesetzt werden“, schreibt er. Für alle anderen jedoch nicht, schon gar nicht für Jugendliche und Kinder.

Das alles, um es noch einmal deutlich zu sagen, widerspricht deutlich den Einschätzungen des weit überwiegenden Teils der Wissenschaft, auch der deutschen Ständigen Impfkommission (Stiko), wonach der Nutzen einer Impfung das Risiko auch bei Nicht­risiko­gruppen ganz klar überwiegt. Aber wahrscheinlich ist das noch gar nicht das größte Problem. Das wahre Problem beginnt vermutlich dort, wo Malone Dinge nahelegt, andeutet, stehen lässt und so dann doch jene ermutigt, die in Impfungen insgesamt das eigentliche Übel und in Covid-19 keine Gefahr sehen.

Im Februar vergangenen Jahres sei er selbst an Covid-19 erkrankt, schreibt Malone, und habe danach Long-Covid-Symptome entwickelt. Nach zwei Moderna-Impfdosen hätten sich die Symptome dann verschlimmert, er habe starken Blut­hochdruck, Schlaf­attacken und das Restless-leg-Syndrom entwickelt.

Viel Aufmerksamkeit – von anderen als erhofft
Ende September verbreitet er über Twitter einen Text, in dem Covid-19 als Teil einer Verschwörung globaler Eliten bezeichnet und behauptet wird, Impfstoffe machten das Virus tödlicher.

Bei ihrer Konferenz in Rom, erklärt Malone im Podcast mit Bannon, habe er mithilfe von IT-Spezialisten „die großen Medien- und Techkonzerne“ daran hindern können, sie zu blockieren. Er erklärt das alles mit ruhiger, dunkler, seriös wirkender Stimme. Es ändert nur nichts daran, dass der Übergang zur Verschwörungs­erzählung fließend ist.

Robert Malone bekommt jetzt sehr viel Aufmerksamkeit. Nur nicht von jenen, auf die er eigentlich gehofft hatte.

„Er versaut sich seine Chance auf den Nobel­preis“, hat ein anderer Wissenschaftler über ihn gesagt, Malone hat den Satz selbst verbreitet und dazugeschrieben, er sei sich dessen sehr bewusst. „Ich habe eine Wahl getroffen.“ Als sei es wirklich seine Wahl gewesen. Als sei es an ihm, sich für oder gegen diesen Preis zu entscheiden.

Man wüsste nun gerne, wie sich seine Nähe zu Verschwörungs­theorien mit seinem Ethos als Wissenschaftler verträgt. Ob er sich im Klaren darüber ist, dass er politisch vereinnahmt wird. Dass seine Sätze Menschen­leben kosten können. Aber auf weitere Fragen antwortet er jetzt nicht mehr. Er ist jetzt, so scheint es, nicht mehr zu erreichen.